HYMNE DER PRONOMEN
2025
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Dauer: 1 min 25 sec
Nur acht kleine Wörter, acht Personalpronomen, acht Möglichkeiten, Subjekt zu sein. Eine deutsche Nationalhymne, die aus nichts als „Ich, Du, Er, Sie, Es, Wir, Ihr, Sie“ besteht. Was zunächst einfach klingt, ist durch seine radikale Reduktion tiefgründiger als vermutet: Wo sonst Geschichte, Nation, Moral beschworen werden, herrscht plötzlich grammatikalische Gleichberechtigung. Das Werk – nennen wir es ruhig eine „Hymne der Entkleidung“ – verlegt das Nationale ins rein Sprachliche. Kein Vaterland, kein Pathos, keine Richtung. Im Klang der Pronomen entfaltet sich etwas, das der politischen Sprache des 21. Jahrhunderts fast abhandengekommen ist: Nachdenklichkeit. Denn was ist das eigentlich, dieses „Wir“, das im Zentrum jeder Nationalhymne steht? Und wer gehört dazu? Wenn man die Worte weglässt, bleibt die Grammatik übrig – ein System der Beziehungen, kein Ort der Zugehörigkeit. Diese „Pronomen-Hymne“ verwandelt das Nationale in eine Grammatik der Empathie. Sie lässt uns hören, dass Identität kein Besitz ist, sondern ein Verhältnis. Zwischen „Ich“ und „Du“ liegt das Gespräch, zwischen „Wir“ und „Sie“ die ganze politische Tragödie der Moderne. Vielleicht ist das also gar keine Antihymne, sondern die ehrlichste Hymne, die man sich denken kann – weil sie nichts behauptet außer der Tatsache, dass es uns gibt. Und dass dieses „uns“ immer neu verhandelt werden muss. Wer sich darauf einlässt, hört kein Lied, sondern einen Vorschlag: Das Land, das wir besingen, besteht nicht aus Boden, sondern aus Sprache.